Und weil äußerlich scheinbar alles funktioniert – der Job läuft, die Kinder sind versorgt, der Alltag wird gestemmt – denkt man: „Ich darf mich nicht beschweren.“
Doch genau hier liegt das Problem: Wenn wir aufhören, uns selbst ernst zu nehmen, weil alle anderen uns für stark halten.
Die unsichtbare Last: Gesehen werden durch Leistung
Viele Frauen sind nicht nur erschöpft, sie sind auch innerlich überzeugt, dass sie keine Pause verdient haben. Denn tief in ihnen sitzt ein alter, kollektiver Glaubenssatz: „Ich bin nur liebenswert, wenn ich für andere da bin.“ Sie kümmern sich. Sie halten aus. Sie stellen sich zurück. In der stillen Hoffnung: „Wenn ich genug nur gebe, werde ich geliebt.“ Diese Dynamik entsteht nicht aus Schwäche, sondern aus jahrhundertelanger Prägung. Historisch wurde weibliche Liebe an Fürsorge gekoppelt. Ein „gutes Mädchen“ war hilfsbereit, still, pflichtbewusst. Eine „gute Frau“ ist stark, fürsorglich, selbstlos.
Diese Zuschreibungen sind bis heute aktiv, subtil, aber wirkungsvoll. Und sie führen dazu, dass viele Frauen sich nur dann sicher fühlen, wenn sie gebraucht werden.
Gebraucht zu werden ist nicht dasselbe wie gesehen zu werden!
Doch gebraucht zu werden ist nicht dasselbe wie gesehen zu werden. Und sich selbst immer wieder zu übergehen, um geliebt zu werden, ist ein stiller Verrat an der eigenen Würde.
Was Selbstfürsorge wirklich ist – und was nicht
Selbstfürsorge ist keine Crememaske. Keine Duftkerze. Kein Spa-Wochenende. Wahre Selbstfürsorge ist ein radikales inneres Statement: „Ich bin es wert, auf mich zu achten – auch wenn niemand applaudiert.“
Sie zeigt sich in Momenten wie diesen:
– Wenn du Nein sagst, obwohl du Angst hast, jemanden zu enttäuschen
– Wenn du eine Pause machst, obwohl der Haushalt ruft
– Wenn du deinen Schmerz ernst nimmst, statt ihn zu relativieren
– Wenn du deine Bedürfnisse aussprichst, auch wenn es unbequem ist
Selbstfürsorge ist keine Flucht. Sie ist Verantwortungsübernahme – für deinen Körper, deine Grenzen, dein Leben.
Studienlage: Selbstfürsorge ist keine Option – sondern Notwendigkeit
1. TK-Stressstudie 2021: 63 % der Frauen in Deutschland fühlen sich gestresst – deutlich mehr als Männer. Die Ursachen: zu viele Anforderungen, zu wenig Pausen, zu wenig Raum für sich selbst. Folgen: Erschöpfung, Schlafstörungen, Migräne, psychosomatische Beschwerden.
2. Dr. Kristin Neff: Selbstmitgefühl schützt nachweislich vor Burnout und Depression. Es wirkt wie ein innerer Schutzschirm – nicht weich, sondern wirksam.
3. Stephen Porges, Polyvagal-Theorie: Nur im Zustand innerer Sicherheit (aktivierter Vagusnerv) ist Regeneration möglich. Dauerstress blockiert Heilung.
4. WHO-Bericht 2022: Selbstfürsorge ist ein zentrales Instrument zur Prävention chronischer Erkrankungen.
Die Wahrheit ist unbequem, aber befreiend: Wenn du dich selbst ernst nimmst, wirst du anecken. Wenn du dich nicht mehr aufopferst, wirst du andere irritieren. Wenn du beginnst, für dich zu sorgen, wirst du alte Rollen sprengen.
Und das ist gut so. Selbstfürsorge ist kein Rückzug vom Leben. Sie ist der erste Schritt zurück zu dir.
Denn wenn du bei dir bist: Bist du präsent – nicht nur verfügbar, bist du klar – nicht nur funktional, bist du echt – nicht nur angepasst
Warum dein Körper irgendwann nicht mehr schweigt
Viele deiner Symptome, Migräne, Hautprobleme, Erschöpfung, Reizdarm, Zyklusstörungen, sind nicht dein Versagen, sondern der ehrliche Versuch deines Körpers, dir zu sagen: „Bitte, bitte hör endlich hin.“ Der Körper ist das Sprachrohr deiner inneren Wahrheit. Und wenn du sie ignorierst, wird er lauter. Nicht um dich zu bestrafen, sondern um dich zurückzuholen.
Wenn du dich selbst vergisst, verändert sich alles – auch deine Beziehungen
Selbstverleugnung bleibt nie ohne Folgen. Wenn du dich immer wieder übergehst, um Harmonie zu wahren, zahlst du den Preis und dieser Preis zeigt sich oft in deinen Beziehungen: Du bist gereizt, obwohl du Nähe willst, du ziehst dich zurück, weil du keine Kraft mehr hast zu erklären, du funktionierst, aber du fühlst dich innerlich allein. Denn echte Verbindung braucht nicht nur Fürsorge, sie braucht Präsenz. Und die entsteht nur, wenn du auch mit dir selbst verbunden bist.
Selbstfürsorge wirkt auch im Beruf – nicht schwächer, sondern klarer
Viele berufstätige Frauen glauben: „Wenn ich mich abgrenze, wirke ich schwach.“, „Wenn ich ehrlich bin, verliere ich meinen Platz.“
Doch das Gegenteil ist der Fall. Studien des Max-Planck-Instituts zeigen: Chronische Erschöpfung reduziert die kognitive Leistungsfähigkeit massiv. Selbstfürsorge wirkt dagegen regulierend – und fördert Klarheit, Präsenz und Stabilität.
Mein Kurs „Zurück zu mir“ ist kein Mimimi-Raum. Er ist ein Rückkehrraum…
Hier geht es nicht ums Jammern. Sondern um Verantwortung. Um echte, tiefgreifende Fragen wie:
Was brauche ich eigentlich wirklich? Wo verliere ich mich täglich selbst? Wie will ich leben jenseits von Erwartungen?
Du wirst gehalten – aber nicht bemitleidet. Begleitet – aber nicht therapiert. Gestärkt – aber nicht überfordert.
Fazit: Wenn du dich schützt, schützt du das Leben selbst
Selbstfürsorge ist kein Luxus. Sie ist gelebte Fürsorge, für dich, für deine Familie, für dein Umfeld. Denn wenn du in deiner Kraft bist, wird dein ganzes System stärker.
Selbstfürsorge ist nicht Ich zuerst, sondern Ich auch. Und das verändert alles.
Du bist nicht egoistisch. Du bist wach. Du bist wichtig. Und genau deshalb darfst du dich selbst ernst nehmen. Jetzt.
Warum weibliche Erschöpfung oft beklatscht – aber nie hinterfragt wird
In unserer Gesellschaft gibt es subtile, aber tief verankerte Belohnungssysteme für weibliche Selbstverleugnung.
Die Mutter, die trotz Fieber das Pausenbrot schmiert wird bewundert. Die Kollegin, die trotz Erschöpfung „noch kurz einspringt“ wird gelobt. Die Frau, die sich selbst zuletzt sieht wird als „stark“ bezeichnet. Doch niemand fragt: Was kostet es sie? Was stirbt dabei leise in ihr ab?
Wir beklatschen das Durchhalten, aber wir ignorieren den Preis. Wir ehren Opferbereitschaft – aber nicht Selbstfürsorge. Wir feiern Anpassung – aber nicht Selbstwahrnehmung. Das Ergebnis: Frauen, die funktionieren, obwohl sie innerlich kollabieren. Frauen, die sich nicht trauen, eine Pause zu machen aus Angst, als „nicht belastbar“ zu gelten. Dabei ist genau das die wahre Belastung: Ein System, das Leistung feiert – aber Lebendigkeit übersieht.
Ein Moment, der alles sagt
Eine Frau sitzt abends auf dem Sofa. Die Kinder schlafen. Der Haushalt ist gemacht. Der Laptop liegt neben ihr – sie müsste noch Mails beantworten. Eigentlich wollte sie nur „kurz durchschnaufen“. Doch sie merkt: Sie hat vergessen, wie man durchschnauft. Sie sitzt da, starrt ins Nichts. Und plötzlich fließen Tränen. Ohne Grund. Ohne Drama. Einfach so. Nicht, weil etwas Schlimmes passiert ist. Sondern, weil nichts mehr in ihr da ist, das sich lebendig anfühlt.
Das ist der Moment, den viele Frauen kennen und den sie doch nie aussprechen. Es ist der Moment, in dem du beginnst, dich zu verlieren. Und der gleichzeitig der Moment sein kann, in dem du dich zurückholst.
0 Kommentare